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Wir leben in einer Zeit massiven institutionellen Versagens. Klimawandel, AIDS, Hunger, Armut oder Gewalt sind häufig Folgen. Das Fundament unseres sozialen, ökonomischen, ökologischen und spirituellen Wohlergehens ist gefährdet. Die Komplexität dieser Probleme bedarf einer kollektiven Führungsfähigkeit, die uns die Instrumente an die Hand gibt, bewusster, zielgerichteter und effektiver auf Herausforderungen zu antworten und gemeinsam handlungsfähig zu werden. Handlung und Führung brauchen eine neue Qualität, die sich an einer zukünftigen Möglichkeit orientiert und aus Mustern der Vergangenheit ausbricht. Die höchste Zukunftsmöglichkeit wahrzunehmen und aus dieser heraus zu handeln, ist, so unsere These, die Essenz von Führung. Voraussetzung ist die Fähigkeit, den inneren Ort, d.h. die Struktur der Aufmerksamkeit, von der aus gehandelt wird, zu verändern. Wir bezeichnen diesen Prozess als "Presencing", eine Wortschöpfung aus den Wörtern "presence"(Gegenwart bzw. Anwesenheit) und "sensing"(hinspüren). Der Blinde FleckEin Hebel zur Erweiterung individueller und kollektiver Handlungsfähigkeit liegt darin, die tiefere Dimension von Führung und transformativer Veränderung zu erschließen, einen blinden Fleck, der nicht nur im Bereich von Führung, sondern auch in alltäglichen sozialen Interaktionen existiert. Wir wissen viel darüber, was Führungskräfte tun. Wie Führungskräfte arbeiten - der Prozessablauf - auch darüber ist im Detail geforscht und geschrieben worden. Aber wir wissen wenig über den Entstehungspunkt von Handlung oder den schöpferischen Quellort von Handlung, d.h. darüber, wie Handlung und damit das Neue in die Welt kommt. Der Presencing- oder U-Prozess nennt diesen blinden Fleck von Führung die Quelle der Aufmerksamkeit oder den Ausgangspunkt von Handlung und Wahrnehmung. Ein Blick auf künstlerische Tätigkeit illustriert dies. Der blinde Fleck bezeichnet den Moment, in dem der Künstler vor der leeren Leinwand steht. Dieser Ausgangspunkt von Handlung, der Moment vor der leeren Leinwand, bietet einen Hebelpunkt für erfolgreiche Führung. Dieser Hebelpunkt liegt darin, Aufmerksamkeitsfelder und damit den inneren Ort, aus dem die Beteiligten eine Situation wahrnehmen und aus dem heraus sie handeln, zu verändern. Zwei Führungskräfte, die sich in der gleichen Situation befinden, die dasselbe tun, können vollkommen unterschiedliche Resultate erzielen, je nachdem aus welchem inneren Ort heraus sie jeweils handeln. Ein bekanntes Beispiel für die innere Dimension von Führung bieten Studien über Spitzensportler. Hier ist die Bedeutung davon, was im Kopf und in der Vorstellung eines Sportlers bei der Vorbereitung auf einen Wettkampf vorgeht, längst erkannt. Dieses Wissen hat zu einer Reihe von Praktiken geführt, die sportliche Leistung sozusagen von "innen heraus" verbessern. In Management und Führung liegt hier ein blinder Fleck. Wir wissen bisher wenig von der Bedeutung dieser inneren Dimensionen für die Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit. Es ist notwendig, diese tiefere Struktur oder Quellebene der Wirklichkeitsentstehung bewusst zu machen, um aufmerksamer in der Gegenwart anwesend und wirksam sein zu können. Verlangsamung der AufmerksamkeitAusgangspunkt und Grundlage des hier vorgestellten U-Prozesses ist eine fast zehnjährige Forschungstätigkeit am MIT, Cambridge (MA). Teil dieser Forschungsarbeit waren unter anderem verschiedene Aktionsforschungsprojekte, in denen vier unterschiedliche Qualitäten des Zuhörens identifiziert wurden. Diese vier Formen von Zuhören bieten ein Beispiel dafür, was es heißt, die Struktur der Aufmerksamkeit zu verändern. Hinhören 1: Abspulen oder Runterladen Hinhören 2: Faktisch Hinhören 3: Empathisch Hinhören 4: Schöpferisch Im Hinhören 1 (runterladen oder abspulen) bestätigt das Gespräch das, was die GesprächspartnerInnen bereits vor dem Gespräch wussten. So wie der gleiche Stempel jeweils die gleiche Form auf das Papier bringt, genauso hören die GesprächspartnerInnen immer nur dasselbe. Im Hinhören 2 (faktisches Hinhören) wird das, was die GesprächspartnerInnen wissen, widerlegt oder erweitert und das Neue zur Kenntnis genommen."Das sieht so anders aus heute!" Immer noch wird ein Stempel auf das Papier gehauen, aber der bleibende Abdruck überrascht. Es sieht anders aus, als erwartet. Zuhören auf der Ebene 3 (empathisches Hinhören) beginnt damit, dass die Perspektive der Wahrnehmung sich verändert. Wahrnehmung erfolgt aus den Augen eines anderen. "Mensch, ja, jetzt verstehe ich wirklich, wie du darüber denkst." Der Blickwechsel erfolgt von einer Draufsicht auf die Dinge zu einer Erweiterung der eigenen Perspektive aus dem Blickpunkt der anderen. Im Hinhören 4 (schöpferisches Hinhören) verändern sich die Beteiligten im Gespräch. Sie gehen durch einen Veränderungsprozess und verbinden sich mit einer im Entstehen begriffenen Zukunftsmöglichkeit. Das Ergebnis einer solchen Begegnung ist, dass wir am Ende des Gesprächs nicht mehr die gleiche Person sind, die das Gespräch begann – wir agieren von einem höheren Energie- und Aufmerksamkeitsfeld und sind innerlich ein kleines Stück unserem eigentlichen ("authentischen") Selbst näher gekommen. AufmerksamkeitsstrukturenDas vierte Feld der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung (schöpferisches Hinhören) ist bei Spitzensportlern als "in der Zone spielen" bekannt. Bill Russell, ein zentraler Spieler des erfolgreichsten Basketballteams der USA (die Boston Celtics, die elf Meisterschaften in 13 Jahren gewannen), beschrieb diese Erfahrung wie folgt: "Ab und zu erreichte ein Celtics-Spiel einen Punkt, an dem es zu mehr als einem rein physischen oder mentalen Spiel wurde. Es wurde magisch. Dieses Gefühl ist schwierig zu beschreiben, und ich habe nie während meiner Zeit als Spieler darüber gesprochen. In diesen Momenten konnte ich fühlen, wie mein Spiel zu einer neuen Ebene anstieg. Es kam selten vor, aber wenn es passierte, dann dauerte es zwischen fünf Minuten bis zu einer Viertelstunde, manchmal auch mehr. Drei oder vier Spielzüge waren nicht genug, um es in Gang zu bringen. Es umgab nicht nur mich und die anderen Celtics, sondern auch die Spieler und das andere Team und sogar die Schiedsrichter. In diesem besonderen Zustand passierten alle möglichen, seltsamen Dinge. Das Spiel konnte auf Messers Schneide stehen, und doch fühlte ich keinen Wettbewerb, was an sich schon ein Wunder ist. Ich konnte meine maximale Leistung erbringen, meine Muskeln zerren, Teile meiner Lunge beim hin und her rennen hoch keuchen und doch spürte ich keinen Schmerz. Das Spiel konnte so schnell sein, dass jeder angetäuschte oder reale Spielzug überraschend kam und doch konnte mich absolut nichts überraschen. Es war beinahe so, als würden wir in Zeitlupe spielen. In diesem Zustand konnte ich regelrecht erspüren, wie das Spiel sich entwickeln würde und wo der nächste Pass landen würde. Noch bevor das andere Team den Ball abspielte, konnte ich es genau so erfühlen, dass ich meiner Mannschaft am liebsten zugerufen hätte, "da geht er hin!" – doch ich spürte, dass alles sich verändert hätte, wenn ich gerufen hätte. Meine Vorahnungen in diesen Situationen waren eigentlich immer zutreffend, und mir kam es dann so vor, als ob ich nicht nur mit allen Celtics-Spielern ganz direkt verbunden war, sondern auch mit all den anderen gegnerischen Spielern und sie mit mir." (Russell 1979, S. 155–158) Russell beschreibt, wie sich sein Team zur höchsten Leistungsebene bewegt und welche Veränderung in diesem Prozess stattfindet. Die Zeit verlangsamt sich, die Wahrnehmung von Raum dehnt sich, öffnet sich, und die Spieler entwickeln einen panoramischen Blickwinkel, der die Wahrnehmung des Gesamtfeldes ermöglicht. Die Grenzen zwischen Menschen, sogar in Bezug auf die Menschen des gegnerischen Teams öffnen sich, brechen auf. Während Spitzensportler und Top-Teams häufig innere Techniken verwenden, um Höchstleistungen zu erbringen, arbeiten Führungskräfte in Organisationen größtenteils ohne diese Techniken oder oft auch ohne das Bewusstsein, dass diese Techniken überhaupt existieren. Um als Führungskraft effektiv sein zu können, ist ein Verständnis von dem Feld oder dem inneren Ort, aus dem heraus Handlung entsteht, Vorraussetzung. Theorie U identifiziert vier solcher Orte, die als "Feldstrukuren der Aufmerksamkeit" bezeichnet sind. Die unterschiedlichen Strukturen der Aufmerksamkeit bestimmen nicht nur unser Zuhören, sondern auch die Qualität von Kommunikation in Gruppen und die Koordinationsmuster in größeren Organisationszusammenhängen. Die Art und Weise, wie wir uns als Einzelne oder als Gruppe in eine Situation hineinbewegen, bestimmt, wie sich eine Situation weiterentwickelt. Die Qualität der Aufmerksamkeit, die wir in eine Situation einbringen, bedingt die Art und Weise, wie Wirklichkeit entsteht und in die Welt kommt. Das U: Ein Prozess, fünf BewegungenUm von den reaktiven zu den schöpferischen Feldern zu gelangen, bedarf es neuer Prozesse. In einem Forschungsprojekt der Autoren zum Thema Innovation und Veränderungsprozesse (ein Teil der im Rahmen dieses Forschungsprojektes durchgeführten Interviews sind veröffentlicht unter http://www.dialogonleadership.org ) wurden 150 Führungskräfte aus Unternehmen und Organisationen sowie Wissenschaftler interviewt. Viele der InterviewpartnerInnen beschrieben Situationen, die ein Handeln von einer Zukunftsmöglichkeit her aus erforderten. Ein Beispiel gibt Brian Arthur, der Mitgründer der Gruppe Economics am Santa Fe Institute, California, USA. Während des Interviews beschreibt er zwei unterschiedliche Quellen von Kognition. Die erste Form ist eine Anwendung von existierenden Denkmodellen (runterladen). Die zweite bezeichnet Arthur als Zugang zum inneren Wissen. Jede tiefgreifende Innovation basiert auf dieser zweiten Form von Wissen. Auf die Frage, wie man diese praktisch erschließt, beschreibt Brian Arthur eine Sequenz von drei Grundbewegungen. Die erste Bewegung nennt er "anschauen, anschauen, anschauen" (observe, observe, observe). Mit dieser ersten Bewegung wird das gewohnheitsmäßige Runterladen unterbrochen. Ein aufmerksames Zuhören beginnt. Damit werden Routinen des Handelns durchbrochen. Hierfür ist es hilfreich, sich an Orte zu begeben, die für die Fragestellung oder Situation relevant sind, in denen Aspekte der Zukunft praktisch angeschaut werden können. Die nächste, zweite Bewegung beschreibt Brian Arthur wie folgt: "Gehe zu einem Ort der Stille und lass das innere Wissen entstehen" (retreat and reflect: allow the inner knowing to emerge). Wichtig ist, dass dieses Auftauchen des inneren Wissens einhergeht mit der Frage: Was ist die zukünftige Möglichkeit, die sich hier realisieren will? Was hat das mit meinem und unseren zukünftigen Weg zu tun? Arthur nennt die dritte Bewegung "handle unmittelbar." (acting in an instant). Ein Beispiel für diese Form von Handlung sind Prototypen. Prototypen des Neuen zu entwickeln ermöglicht, die in dieser Handlung entstehende Zukunft zu erforschen. Prototypen sind Landebahnen für die Zukunft und ermöglichen ein Erkunden der Zukunft im praktischen Tun. Diese drei Bewegungen beschreiben im Kern den gesamten U-Prozess: (1) anschauen, anschauen, anschauen, (2) gehe zu einem Ort der Stille und lass das innere Wissen entstehen, (3) handle unmittelbar aus dem Anwesend-werdenden. Diesen gesamten Prozess nennen wir den U-Prozess, da er sich entlang eines U abbilden lässt. Viele kreativ Tätigen kennen den "U" oder Presencing-Prozess. Er lässt sich sowohl auf individueller, als auch auf Team-, Institution- und Systemebene anwenden. Der U-Prozess ist kein Mechanismus, sondern beschreibt wesentliche Schritte, die Individuen und Gruppen helfen, Muster der Vergangenheit loszulassen, eine im Entstehen begriffene Zukunftsmöglichkeit wahrzunehmen und aus dieser Wahrnehmung heraus zu handeln. In der Kürze des Artikels können nicht alle Details dieses Prozesses beschrieben werden. Wie bei jeder Technik ist es wichtig, dass die Handelnden die Fähigkeiten ausbilden, die Technik anzuwenden. Im Folgenden werden einige dieser Fähigkeiten beschrieben. Presencing als Soziale Technik: Sieben Kernfähigkeiten Der U-Prozess basiert auf sieben Kernfähigkeiten.1. Raum geben und halten: Hinhören auf die entstehende gemeinsame Intention 2. Innehalten: Mit dem sich öffnenden Denken wahrnehmen 3. Erspüren: Mit dem Instrument des Fühlens wahrnehmen In einem Interview im Rahmen eines Forschungsprojektes mit Eleanor Rosch von der Universität von Kalifornien in Berkeley, USA, beschrieb diese zwei Arten von Erkenntnis oder Verstehen. Zunächst benannte sie das analytische Wissen, auf dem Wissenschaft traditionell aufbaut. "Im analytischen Denken oder Wissen" sagte Rosch, "wird die Welt als eine Menge von einzelnen, voneinander getrennten Objekten und Zuständen gedacht. Der menschliche Verstand ist dann eine Maschine, die jegliches Wissen isoliert, abspeichert und als indirekte Darstellung der Welt und von uns selbst abruft." Die zweite Form von Wissen basiert auf der Fähigkeit, das Fühlen und den Willen zu öffnen. "Handlungen, die aus dieser Art des Bewusstseins erfolgen", so Rosch weiter, "sind spontan und nicht das Resultat von Entscheidungen. Sie gehen von Ganzheiten aus und können geradezu schockierend effektiv sein." 4. Presencing: Von der höchsten zukünftigen Möglichkeit her wahrnehmen 5. Verdichten und Kristallisieren: Die Kraft der Intention 6. Prototypen: Die Integration von Kopf, Herz und Hand Die inneren Widerstände oder Feinde auf der linken Seite des U-Prozesses, dem Weg nach unten, sind die Stimme des Urteilens (SdU), die Stimme des Zynismus (SdZ) und die Stimme der Angst (SdA). Dementsprechend sind die inneren Widerstände auf der rechten Seite des U, in traditionelle Formen des Agierens zurückzufallen. Traditionelle Formen des Agierens sind Handeln ohne Improvisation und Achtsamkeit (reaktive Handlung ohne Lernen), endloses Reflektieren ohne einen Willen zum Handeln (Analyse-Paralyse Syndrom) und Besprechungen ohne eine Ankopplung zum wirklichen Handeln und Lernen (bla-bla-bla). Anstatt die Intelligenz des Kopfes, des Herzens und der Hände ins Gleichgewicht zu bringen, dominiert nur eines dieser drei: der Wille in Form von reaktiven Handlungen, der Kopf im Analyse-Paralyse Syndrom, die Emotion in der Abkopplung von Kommunikation (bla-bla-bla). 7. In die Welt bringen (Performing): Vom Ganzen her handeln Führung vor der leeren LeinwandNicht jede Führungsentscheidung bedarf einer Bezugnahme auf Zukunftsmöglichkeiten. Doch je komplexer die Herausforderungen und Aufgaben, desto eher stehen Führungskräfte vor der leeren Leinwand, wo die Erfahrungen der Vergangenheit nicht nur nicht weiterhelfen, sondern sogar eventuell verhindern, den richtigen nächsten Schritt zu tun. Beispiele für hochkomplexe Herausforderungen sind grundlegende Technologieveränderungen, Umbrüche in Märkten, Herausforderungen im sozialen und politischen Umfeld der Organisationen oder überkommene interne Strukturen und Prozesse. Der U-Prozess beschreibt sieben Prozesselemente, die in komplexen Führungssituationen helfen, die Muster der Vergangenheit loszulassen, die im Entstehen begriffene Zukunft wahrzunehmen und dann aus dieser Zukunftsmöglichkeit heraus zu handeln. Hier einige Anwendungsbeispiele: Innovation Führung Führungstraining Im Kern schlägt der U-Prozess vor, nicht von der Herausforderung zur Handlung zu springen, sondern bewusst die Struktur der eigenen Aufmerksamkeit zu gestalten. In dieser bewussten Gestaltung der eigenen Aufmerksamkeit liegt ein Hebel, Zukunftsmöglichkeiten wahrzunehmen und aus ihnen heraus zu handeln. Der U-Prozess ist keine Mechanik, sondern bedarf der Ausbildung der oben beschriebenen Kernfähigkeiten. Er beschreibt eine Landkarte von Aufmerksamkeitsfeldern, die neue Handlungsräume eröffnen. Literatur Quelle: Autoren: |
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