Was ist Führung?

Haben Sie Führung schon einmal mit eigenen Augen "gesehen"? Sind Sie sicher? Führung hat ist ein Phänomen, das niemand direkt beobachten kann, über das aber dennoch alle reden.

Was genau ist eigentlich Führung? Nehmen wir an, Person A sagt oder tut etwas, z.B. gibt sie eine Anweisung oder trifft eine Entscheidung, und Person B tut dann ebenfalls etwas, z.B. leistet sie der Anweisung Folge  oder handelt gemäß der Entscheidung. "Führung" wäre in diesem Fall, schreibt Dr. Ruth Seliger in dem kürzlich erschienenen "Dschungelbuch der Führung" "eine Erklärung dafür, warum B sich so verhält, wie er es tut. Diese Erklärung stellt einen Zusammenhang zwischen der Anordnung von A und der Reaktion von B her. Unterstellt man B, dass sein Verhalten ursächlich mit der Anweisung von A zu tun hat, dann kann man das Verhalten beider beteiligten Personen ein Führungsgeschehen nennen. Ob wir also von Führung sprechen, hängt davon ab, wie wir uns das Verhalten und vor alle die Intentionen der beteiligten Menschen erklären."

Führung ist also "ein Phänomen, das erst durch die Interpretation von Beobachtern entsteht", eine "Zuschreibung von Beobachtern". Führung weist laut Dr. Seliger aber noch zwei weitere Charakteristika auf, den üblichen Helden- und Machtmythos so gar nicht entsprechen. Zum einen ist Führung "Hausfrauenarbeit" in dem Sinn, dass sie nur dann bemerkt wird, wenn sie nicht stattfindet, wenn die damit verbundenen Aufgaben also nicht erfüllt werden (so wie schmutziges Geschirr im Abwasch, dicke Staubschichten oder auch fehlende Orientierung und Ziele, unklare Aufgaben, etc.). Zum dritten ist Führung eigentlich eine "unmögliche Aufgabe", da es Führung nicht mit einer Maschine, sondern mit Menschen und Organisationen zu tun hat. Und Menschen und Organisationen sind – anders als Maschinen – lebende Systeme, die "einige Eigenheiten aufweisen, die Führung fast unmöglich machen: Sie sind eigensinnig, reagieren unerwartet, folgen ausschließlich ihrer eigenen Logik. Lebende Systeme haben die Eigenheit, sich selbst zu führen und sich von außen kaum steuern zu lassen."

Führung ist also unsichtbar, oft unbedankt und noch dazu so gut wie unmöglich – aber das bedeutet nicht, dass man deshalb darauf verzichten könnte. Keine Organisation kommt ohne Führung aus. Wozu also braucht man Führung?

Was ist der Sinn von Führung?

Führung, so Seliger, hat zwei zentrale Aufgaben, die beide lebenswichtig für die Organisation sind: Zum einen muss Führung dafür sorgen, dass die Verbindungen zwischen der Organisation und ihren wichtigsten Umwelten kontinuierlich gesichert und gepflegt werden. Ohne Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten kann keine Organisation überleben. Führung hast somit eine Brückenfunktion zwischen Innen und außen und steht damit vor einer Zerreißprobe. Führungskräfte stehen im Zentrum vieler unterschidlicher, manchmal auch gegensätzlicher Ansprüche von Akteuren und sollen zugleich sicherstellen, dass die Organisation keinen davon verliert. "Damit ist Führung ein permanenter Balanceakt."

Zum anderen müssen die innere und äußere Komplexität von Organisationen permanent bearbeitet werden, damit sie sich selbst steuern und auf Impulse von innen und außen reagieren können. Äußere Komplexität entsteht durch die gleichzeitigen und vielfältigen Anspräche der unterschiedlichen Umwelten an die Organisation. Innere Komplexität entsteht durch hochgradig vernetzte interne Kommunikation. Ist die Komplexität zu groß, sind also zu viele Impulse gleichzeitig im Spiel, entsteht Verwirrung und Unkjlarheit. Ist die Komplexität zu gering, werden also zu viel wesentliche Momente des Organisationslebens ausgeblendet, haben Entscheidungen keine solide Basis. "Der einzige Weg, der Führung offensteht, die innere und äußere Komplexität zu bearbeiten, heißt: Entscheidungen treffen."

Führung bedeutet also Balancieren und Risiko-auf-sich-Nehmen. Dr. Seliger: "Mit diesen beiden Aufgaben ist der Sinn von Führung definiert. Es wird dabei deutlich, dass diese beiden Aufgaben selbst komplex, herausfordernd und keineswegs trivila sind. Unter diesem Licht betrachtet, erscheint es doppelt naiv zu glauben, dass es dafü einfache Rezepte geben könnte. Zugleich ist es nur allzu verständlich, dass Führungskräfte sich nach dem ultimativen Tipp für die Bewältigung ihrer komplexen Aufgabe sehnen. Aber leider: den gibt es nicht."

Siehe auch: Das Dschungelbuch der Führung