Starbucks und Ich

Michael Gates Gill

Knaur TB, 2008; 320

Euro 13, 40

 

Manche Bücher können nur aus Amerika stammen. So auch dieses. Kein Top-Manager in Europa käme je auf die Idee oder hätte den Mut, eine derartige Geschichte zu veröffentlichen. Denn in diesem Fall geht es nicht um Aufstieg und die übliche "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Erfolgsgeschichte, sondern um einen rasanten Abstieg – sozusagen den Absturz "vom Millionär zum Tellerwäscher".

Der Autor, Michael Gates Gill, arbeitete 25 Jahre lang als Kreativdirektor in einer der weltgrößten Werbeagenturen, war beruflich erfolgreich, verkehrte in den obersten Kreisen und führte mit Frau und Kindern ein sorgenfreies Leben. Doch nach einem Eigentümerwechsel kam das plötzliche Aus. Mit 53 Jahren stand er auf der Straße, ein Schock - und der Beginn einer zehn Jahre dauernden Talfahrt. Zuerst eine Affäre, aus der ein Kind entstand, dann die Scheidung und eine Beratungsfirma, mit der er sich über die Jahre mehr schlecht als recht über Wasser hielt.

Eines Tages, mittlerweile 63 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen, gönnt sich Gill bei Starbucks einen Cafe Latte, "der einzige Luxus, der mir noch geblieben war". Immer noch mit Nadelsteif und Aktenkoffer bewaffnet, wird plötzlich von einer jungen Farbigen am Nebentisch angesprochen: "Suchen Sie einen Job?" Bevor er viel nachdenken kann, platzt es aus ihm heraus: "Ja, ich suche einen Job". Die beiden führen ein Bewerbungsgespräch und obwohl es Gill  bis zu diesem Augenblick nie in den Sinn gekommen wäre, als einfacher Mitarbeiter bei Starbucks zu arbeiten, erscheint ihm dieser Job plötzlich als letzter Strohhalm. Als einige Wochen später der erlösende Anruf kommt, stürzt er sich mit Eifer in die neue Arbeit. Die ursprüngliche Befürchtung, unterfordert zu werden, erweist sich wie so vieles andere auch als krasse Fehleinschätzung und wird schnell abgelöst von der Angst, überfordert zu sein. Als einziger Weiße unter vielen Farbigen und Latinos arbeitet Gill zudem erstmals mit Menschen aus einem komplett anderen sozialen Hintergrund, die noch dazu alle wesentlich jünger sind als er selbst.

Was dieses Buch wirklich lesenswert macht, ist die Art, wie Michael Gates Gill die Erfahrungen, die er mit seiner bemerkenswerten, jungen Vorgesetzten, seinen neuen Kollegen und der Unternehmenskultur bei Starbucks macht, seinen früheren Erfahrungen und Handlungen als Top-Manager gegenüberstellt. Dabei kommt er nicht nur zahlreichen Vorurteilen, Fehleinschätzungen und Versäumnissen auf die Spur, sondern er schafft es auch, dieser neuen Lebenssituation mit einer Haltung gegenüber zu treten, die einem als Leser Respekt abnötigt.

Fazit: Die Geschichte eines ehemaligen Top-Managers, der der einer Kündigung Wohlstand und Karriere verliert, aus der Not heraus mit 63 Jahren "ganz unten" neu beginnt und dabei die überraschende Erfahrung macht, "seit langem wieder glücklich zu sein".

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