Eine verpasste Chance?

Hat die Krise Führungsverständnis und Führungskräfteausbildung verändert oder geht es weiter wie bisher?

Im Herbst 2008 schrammte die globale Finanzwelt knapp am Finanz-Super-GAU vorbei und spätestens Anfang 2009 erreichten die Schockwellen die Realwirtschaft. Angesichts teilweise dramatisch einbrechender Märkte stand vielen Managern damals das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben und selbst hartgesottene Verfechter „freier“ Märkte begannen ernsthaft, die bis dato vorherrschenden Spieregeln und Rahmenbedingungen bzw. deren Fehlen kritisch zu hinterfragen. Plötzlich war allerorts die Rede von "notwendiger Systemveränderung", "verantwortungsvollem Handeln" und "nachhaltiger Unternehmensführung".

Weiter wie gehabt?

Heute, gut ein Jahr später, ist von dem damals propagierten Paradigmenwechsel in den Führungsetagen nicht mehr viel zu sehen. Es dominiert der Eindruck: "Das Ärgste haben wir überstanden, langsam normalisiert sich die Lage, wenn auch mit weniger Umsatz und Personal". Breitflächig gelernt wurde allenfalls: Der Zugang zu Fremdkapital wird auf absehbare Zeit schwieriger und teurer, rasantes Wachstum auf Pump kann sich rächen, ausreichend Eigenkapital und Liquidität ist wichtiger denn je, und schließlich: Risiko und Verantwortung gehen (bei managergeführten Unternehmen) keineswegs immer Hand in Hand.

Wie steht es um das Thema Führung selbst? 2009 war – speziell in den großen internationalen Unternehmen - geprägt vom Slogan des "Budgetstops", argumentiert mit dem Ziel der Liquiditätssicherung. Zeit und Geld zum dringend notwendigen "Nachdenken" war Mangelware. Laufende Führungscurricula wurden ausgesetzt oder abgebrochen, geplante Ausbildungen vertagt, als höchstes der Gefühle allenfalls die eine oder andere Coachingstunde gewährt. Mit Anfang 2010 bekam das Thema wieder leichten Auftrieb, die Nachfrage nach Leadership-Programmen nimmt langsam wieder zu. Zumindest die Zahl der Anfragen wächst, auch wenn „angesichts einer nach wie vor sehr unsicheren Marktlage“ dann oftmals definitive Entscheidungen auf sich warten lassen.

Auch beim Thema Führung selbst aber ist von einem Paradigmenwechsel noch wenig zu spüren. Nach wie vor dominiert in den Programmen der Blick auf die Führungs-Person, während die untrennbar damit verbundene Kehrseite der Medaille – die Organisation – wenn überhaupt nur als Randthema vorkommt. Auch die seminaristische Lernform – Seminare und Curricula -  prägen weiterhin die Szene. Wohin aber könnte sich der Bereich entwickeln?

In dem ausführlichen Grundlagenartikel "Führung und Organisation" steuert Dr. Rudolf Wimmer, Professor für Führung und Organisation am Wittener Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke, Partner der osb-i AG und Mitbegründer des Management Zentrums Witten, wichtige systemtheoretische Überlegungen zur aktuellen Leadership-Diskussion bei. Dr. Ruth Seliger erläutert in ihrem Artikel "Wien lernt führung Führung?" die These, dass ein verändertes Verständnis von Führung Hand in Hand gehen muss mit anderen, dem neuen Verständnis adäquaten Lernformen. Der Beitrag "Action Learning – Lernen am realen Problem" beschreibt die Entstehungsgeschichte und die wesentlichen Prämissen eines Ansatzes, dessen Potenzial für die Führungskräfteentwicklung noch lange nicht ausgeschöpft ist.

LINK:  Dr. Rudi Wimmer: Führung und Organisation
LINK:  Dr. Ruth Seliger: Wie lernt Führung Führung?
LINK:  Action Learning – Lernen am realen Problem

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